miromente 82
Als die gebürtige Bludenzerin Nadine Kegele zum ersten Mal (2011) einen ihrer Texte in der miromente veröffentlichte, war sie noch kein etabliertes Mitglied der österreichischen Literaturszene. Mittlerweile ist sie eine mehrfach preisgekrönte Autorin und ihre Bücher genießen Aufmerksamkeit über die Landesgrenzen hinaus. Für diese Ausgabe hat sie uns einen Ausschnitt aus ihrem in Arbeit befindlichen nächsten Roman zur Verfügung gestellt.
Aufmerksamen Leser*innen der miromente dürfte der Name des in Berlin lebenden deutschen Autors Christian Reimann bereits ein Begriff sein, denn seine Texte gehören seit Jahren zum miromente-Repertoire. Die Protagonisten seiner Geschichten sind Teil der ganz normal verrückten Welt, denn sie sind Kellner, Werkstattleiter einer Tischlerei oder, wie in seiner neuen Erzählung Über Herrn Ehlert, Sachbearbeiter beim Finanzamt.
Erstmals in der miromente vertreten ist der aus Erlangen stammende Lyriker und „Leonce-und-Lena-Preisträger“ des Jahres 2007 Chrys Schloyer. Im Kurzzyklus tryptichon, den er uns zum Abdruck überlassen hat, lässt er von Beginn an keinen Zweifel daran, worum es ihm geht: „in einer jugendbestückten/gartenparzelle (wo zu viele viel zu/wenig besitzen) rollen wie karnevals-/züge die Panzer…“
Der Vorarlberger Hans-Joachim Gögl, der seit drei Jahrzehnten als Formatentwickler und Kurator im Kulturbereich tätig ist, tritt hier zum ersten Mal mit literarischen Texten in Erscheinung. Die Erinnerung an Beobachtungen und Erfahrungen aus seiner Kindheit, formt der Erzähler zu Sätzen wie: „Das Haus ist groß, es atmet meine Großmutter ein und meine Großmutter atmet das Haus aus.“
Die Berlinerin T. I. Maria Gintrowski war erstmals bereits 2009 mit poetischen Miniaturen in der miromente vertreten. Diese alte Beziehung haben wir wieder aufgefrischt und die aktuelle Trägerin des vom Literaturhaus Köln ausgeschriebenen „Dieter-Wellershoff-Stipendiums“ eingeladen, unseren Leser*innen drei ihrer neuen Kurzgeschichten zu präsentieren.
Den grafischen Beitrag steuert die aus dem Bregenzerwald stammende Künstlerin Melanie Berlinger bei, die eine der sechs für den Kunstpreis Vorarlberg 2024 nominierten Zeichner*innen war. In ihren Bleistiftzeichnungen thematisiert sie die Tatsache, dass auch in der Botanik zwischen „heimischen“ (Archäophyten) und „fremden“ Arten (Neophyten) unterschieden wird, und dass es auch dort Zeit braucht, bis die eingewanderten Pflanzen ihren selbstverständlichen Teil zur Vielfalt beitragen.
Wir wünschen allen eine anregende Lektüre bzw. Betrachtung.
Wolfgang Mörth
miromente 82 – Dezember 2025
NADINE KEGELE
Weit, weit weg
MELANIE BERLINGER
Archäophyten und Neophyten
CHRISTIAN REIMANN
Über Herrn Ehlert
CHRYS SCHLOYER
triptychon
HANS-JOACHIM GÖGL
Die Großmutter betrachtet
Wir halten auf ein paar Pflastersteinen
T. I. MARIA GINTROWSKI
Komm, lieber Mai
Mobile Filialen
Transit
Leseprobe:
Die Großmutter betrachtet
von Hans-Joachim Gögl
meinen Daumen. Dann holt sie einen Topf aus dem Schrank, füllt ihn mit ein wenig Wasser und dreht den Herd auf. Ich sitze auf der Eckbank in der Küche. Beim Spielen mit einer Büroklammer ist mir das aufgebogene Drahtende unter den Fingernagel geraten. Das Nagelbett ist geschwollen und schmerzt. Die Großmutter beobachtet das Wasser. Als es kocht, hängt sie einen Teebeutel hinein. Sie stellt ein kleines Gläschen Schnaps vor mich hin, in das ich den Finger halten soll. Es brennt, ich zucke zurück.
Ich fürchte die Medizin mehr als die Verletzung. Ich weiß nicht, wann meine Mutter kommen wird, um mich wieder heimzuholen.
Übermorgen sagt die Großmutter.
Wie oft noch schlafen, frage ich.
Zwei Mal, sagt die Großmutter.
Sie steht mit dem Rücken zu mir. Sie entdeckt eine Schliere auf dem Wasserhahn und wischt mit einem Lappen schnell darüber. Ich höre aus dem Wohnzimmer die Schläge der Standuhr. Dann ist es wieder still.
Der Schmerz des Daumens breitet sich in der ganzen Küche aus. Mein Blick ist fest auf den Rücken der Großmutter gerichtet, auf das grünbraune Muster ihrer Kittelschürze, auf ihr dunkelbraun gefärbtes Haar.
Ich weine leise vor mich hin. Ich vergleiche meine beiden Daumen. Der Kranke ist vorne rot und angeschwollen. Unter dem Nagel quillt etwas Gelbes heraus. Vielleicht muss er abgeschnitten werden. Ich frage sie nicht.
Sie zieht den Teebeutel an seinem Schnurende aus dem sprudelnden Wasser, wartet kurz bis er nicht mehr tropft und bettet ihn in ein weißen Stofftaschentuch. Sie setzt sich neben mich und verbindet den Daumen so, dass der heiße Teebeutel das Nagelbett umfängt.
Sie schweigt, während sie geschickt einen doppelten Knoten bindet, drückt nocheinmal vorsichtig auf das feuchte Kräuterkissen darunter, damit der Daumen mit dem heilenden Sud versorgt wird und wirft einen letzten prüfenden Blick auf den Verband. Dann geht sie zum Herd, trocknet den Topf mit einem rot karierten Geschirrtuch aus und räumt ihn wieder in den Schrank.
Trotz Schnaps, trotz Kamille, trotz dem weißen, teegetränkten Verband, der den Daumen verhüllt und auf das Doppelte vergrößert, verändert sich der Schmerz nicht.
Sie sagt, ich muss warten. Der Daumen pocht. Ich warte bis der Tropfen am Wasserhahn in die Spüle fällt. Dann warte ich, bis sich ein neuer bildet. Von draußen höre ich eine Motorsäge. Ich warte, bis diese nach zwölfmal jaulendem Auf- und Abklingen endgültig verstummt.
Sie fegt den Boden, öffnet die Fenster. Es kommt kalt herein. Ich friere. Dann geht sie zum Bettenmachen in den oberen Stock. Ich laufe ihr nach, bleibe in der Tür eines Fremdenzimmers stehen. Sie fährt mit beiden Händen in die faltenlos gebügelte Bettwäsche, hält ihre Arme mit einer schnellen Bewegung hoch über den Kopf und wendet dabei die blassgelbe Außenseite nach innen. Dann greift sie durch den Stoff hindurch mit beiden Händen nach den Zipfeln der Daunendecke, hält beides auf Kopfhöhe, streift abwechselnd mit der jeweils freien Hand den Bettüberzug hinunter, sodass sich die farbige Innenseite wieder nach außen kehrt und knöpft diesen dann am Fußende zu. Von Bett zu Bett wiederholen sich ihre Bewegungen, rhythmisch und präzise. Ihr Blick ist nach innen gekehrt. Sie sieht mich nicht. Unter dem Arm die abgezogene Schmutzwäsche.
Die Großmutter verschwindet im Haus. Sie ist wie die Treppe, das Fenster, die Tür, der Herd. Ihre Schürzen haben die Farbe des Linoleumbodens in der Küche oder das Weiß der Wände. Sie bewegt sich so selbstverständlich und gemessen wie die Kühlschranktür, wenn die sich öffnet, der Ausschlag des Uhrenpendels, das Drehen der Walzen der Bügelmaschine.
Ich kenne sie nur im Tun. Im Gegensatz zum Großvater, der sich am Mittag auf das Kanapee legt, habe ich sie tagsüber niemals ruhen sehen.
Wörter sind für sie Werkzeuge. Die Namen von Lebensmitteln zum Einkaufen, Einmachen, Kochen. Zahlen, Wochentage, Monate, wann die Gäste an- und abreisen. Begriffe für das Wetter, den Garten, für Kleidungsstücke, die geflickt werden müssen. Niemals hat sie eine Geschichte erzählt, sich ungeteilt und absichtslos an mich gewendet. Viele Wörter hintereinander benützend, kenne ich sie nur als Betende, beim Rosenkranz in der Kirche. Ein Gebet ist auch ein Werkzeug und ein Rosenkranz eine Art Arbeit.
Das Haus ist groß, es atmet meine Großmutter ein und meine Großmutter atmet das Haus aus.
Mit einer Hand öffnet sie den Ofen, mit der anderen holt sie den Kuchen heraus, ohne innezuhalten stellt sie den Besen in den Schrank und greift nach einer Schüssel heißer, noch ungeschälter Kartoffeln.