miromente 83
Eine Möglichkeit für Künstler:innen, mit ihren Arbeiten aufzufallen, ist der Gewinn von Wettbewerben. Die miromente versucht seit vielen Jahren, die preisgekrönten Arbeiten von Vorarlberger:innen bzw. von in Vorarlberg ausgelobten Wettbewerben so zeitnah wie möglich erstmals zu veröffentlichen oder zumindest nachzudrucken. So auch in der aktuellen Ausgabe.
Eröffnet wird die Nummer mit den Gedichten der Südtiroler Autorin Lorena Pircher, für die sie den Feldkircher Lyrikpreis 2025 gewonnen hat. In der Jurybegründung wurde zurecht auf die Verbindung von „sprachlicher Präzision mit emotionaler Wucht“ hingewiesen.
Mit ihrem gleichermaßen komischen wie analytisch scharfsinnigen Text Ein Mann ein Vater, der von den Erfahrungen eines Mannes handelt, dessen Partnerin Kinder mit in die Beziehung bringt, schaffte es die in Feldkirch geborene Verena Roßbacher 2026 auf die Shortlist des Boccaccio-Preises, der für die beste im Vorjahr veröffentlichte Erzählung vergeben wurde.
Einen kraftvollen, berührenden und bemerkenswert offenen Einblick in die Welt einer in Deutschland lebenden iranisch-stämmigen Frau gibt der Text Your hands are my home, für den Aisouda Hoshiyar 2025 den Hohenemser Literaturpreis gewonnen hat, der biennal an deutschsprachige Autor:innen nicht deutscher Muttersprache vergeben wird.
Und mit den farblich und kompositorisch ausdrucksstarken Bildern der in Lustenau geborenen und in Wien lebenden Künstlerin Ina Fasching setzen wir die Präsentation jener Arbeiten fort, die für den Kulturpreis Vorarlberg 2024 für das Genre Zeichnungen nominiert waren. Ina Fasching erhielt dafür einen Anerkennungspreis zugesprochen.
Den Abschluss bildet ein Auszug aus dem neuen Buch von Wolfgang Bleier, das zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Ausgabe kurz vor der Veröffentlichung stand. Und wieder stößt Bleier darin Satz für Satz durch die Bedeutungsschichten unsere Sprache und bringt den Schatz zum Vorschein, den sie birgt.
Wolfgang Mörth
miromente 83 – März 2026
LORENA PIRCHER
fasern
INA FASCHING
Mothertongue
VERENA ROSSBACHER
Ein Mann und Vaterf
AISOUDA HOSHIYAR
Your hands are my home
WOLFGANG BLEIER
Die Nacht hat hundert Wege
Leseprobe:
Die Nacht hat hundert Wege
von Wolfgang Bleier
Eine Frau mit Metzgergesicht sitzt in einem Schächtelchen. Im Zentralnervensystem lebt ein Männchen, das streckt seine blaue Zunge heraus. Aus meinem Atem entstehen Kohlweißlinge und Amseln. Aus der goldenen Trompete wird ein gesprenkeltes Huhn geblasen. Im Fliegenpalast rutscht ein Gedicht übers Treppengeländer. Ich verkaufe einen Kirschbaum in voller Blüte und verschiedenfarbige Federkleider. Ich laufe mit langen, dünnen Vogelbeinen, treibe Handel mit Gespinsten, verkaufe Hirngespinste, verkaufe unvermeldete Wunderdinge. Auf den Straßen gehen Frauen in Form von Tassen, Dosen und Schachteln, ich sehe Männer in Form von Kästen, Schränken und Öfen. Seifenblasen werden aufbewahrt in Gurkengläsern. Unter Krautköpfen sehe ich nach, ob mein Kopf darunter ist. Das wahre Selbst, die Puppe, betrachtet mich. Dutzende Seelen lagern in Einmachgläsern, darunter die Seele eines Apfelbaums. Zur Geburt eines Kindes wird aus dem ewigen Nachtkasten eine zarte, menschliche Seele herausgenommen und eingepflanzt in die Neugeburt. Hundert Tage lagern in Schachteln. Trunken – wie Heilige – leuchten die Einmachgläser; sie vertrinken das Licht und warten und verstauben im Keller. Gedanken arbeiteten den ganzen Tag, arbeiteten schwer, taten auch Freudensprünge und ruhen und strecken sich jetzt aus im Silbertal. Der Mond, die schwangere Quitte, ist aufgegangen. Aus der goldgelben Zwiebel, dem Mond, wächst ein Apfelbäumchen; aus der aufgeplatzten, überreifen Quitte schlüpfen Singvögel. Ich habe schreckliche Hülsenfrüchte gesehen: Menschen, die aussehen wie vom Herbst getrocknete, ausgedorrte Bohnenschoten. Meine Augen sind Kieselsteine. Zero, cyfer, cifra, Zeiffer, Zephirum – rätselhaftes Zeichen für das Nichts! Im Norden hänge ich die Erde auf am Nichts. Meine Augen sind umgeben von schwarzen Glimmerkörnern – Kohle, Felsenbirne –, ich esse Steine mit einzelnen Kalklinsen, Dolomiten mit Tonhäuten, bis ich selbst zu Erde werde – ein Einheimischer der Erdgeschichte mit einer steilen Faltenstirn und stark gelängten Feldspataugen. Das Meer der Kälte rückt an den Nordrand. Guter Dachfirst, Wolken, der Erde Zudecke – sie schlafen mit den Fischen. Ich bin der Boden des Gewässers, der Keller der Nacht. Ich bin von Schlammfressern durchwühlt, vom Wellenschlag gekräuselt, ausgewaschen. Das Gemälde des Mondes steckt tief im Gestein, in den Silberadern der Wolken. – Der Mond rollt durchs Gebirge. Ein Schwarm Fische schwimmt durchs Zimmer. Ich glätte den Text im Licht der Lampe, bringe seine Fasern in Ordnung. Für meine Liebste putzen drei Lappen die Freude blank. An der Nacht befestige ich die Kurbel. Unterm Polarstern, hinten in der Dunkelheit hocken drei Hexer. Um eine Überschwemmung auszulösen, schlägt einer von ihnen mit Weidenruten den Bach. Durch ein Loch in der Dunkelheit pissen Kühe ins Zimmer, ich versuche dem Geschehen auf Stelzen auszuweichen. Glück und Unglück liegen nahe beieinander: verlorengegangen ist die Kurbel zum Antreiben der Nacht. Drei neue, neun neue Maschinen arbeiten in der Traumfabrik, vier Eulen fliegen über die Weltmaschine. Hier fährt der mit Engeln beladene Zug, verboten ist das Überschreiten der Gleise; ich überquere das steinerne Meer, fühle den Puls und den Herzschlag der Steine. Mit Worten bewege ich sie, sodass die Steine wie von selbst eine Stadt zu bauen beginnen. Ich bin der den Traum bewohnende Esel. Im Licht der Lampe sitze ich; der Esel liest, als Teil der Weltmaschine tanzt die Ballerina. Ich sehe ein Stückchen Traum am Boden liegen, es gleicht einer Libelle, gleicht einer blau schimmernden Schneeflocke; ich hebe es auf und tue es zu den anderen. Am Ende des Monats, am achtundzwanzigsten, neunundzwanzigsten, rechne ich das Gewicht der Vögel zusammen und den im Licht des Kellerlochs tanzenden Staub. Die Erde hat den Bauch voller untergegangener Schiffe; ich steige übers steinerne Meer: welligschichtige und knollige Kalke; die Stirn, das Segel, ist stark gebläht. Ich begegne einem mit einem Pflug, sieben mit einem Löffel. Ähnelt das Leben nicht einem Marienkäfer, auch uccello d’amore, portafortuna, Lade Gottes, Kleidchen des Herrn, kleine Sonne, Rätsel genannt?
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